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Auf Sand gesetzt: Das Rohstoffproblem der Bauwirtschaft

„Es ist allen in der Bauwirtschaft klar, dass der enorme Sandverbrauch ein Problem ist. Es kann so nicht weitergehen.“ Univ. Prof. PhD Agathe Robisson, Leiterin des Forschungsbereichs Baustoffe und Materialtechnologie der TU Wien, bringt die aktuelle Situation in der Bauwirtschaft auf den Punkt. Sand ist nach Wasser die zweithäufigst ausgebeutete Ressource der Welt. Er entsteht deutlich langsamer, als er benötigt wird, wachsende Abbaustellen sorgen für teilweise drastische Folgen in der Umgebung, von Versalzung des Grundwassers über Gefährdung der Artenvielfalt durch Flächenverbrauch bis hin zur wachsenden Bedrohung durch Sturmfluten bei Sandgewinnung in Küstennähe. Doch gibt es Alternativen?

Sand ist nicht gleich Sand

Zunächst einmal klingt „Sandknappheit“ eigenartig, wenn man an endlose Strände und vor allem die vielen und weiten Wüsten denkt. Das Problem ist, dass Wüstensand – und der stellt immerhin 95% der weltweiten Sandvorkommen – zu fein und zu glatt ist, um den für die Herstellung von Beton notwendigen Zusammenhalt bieten zu können. Die restlichen 5% sind laut UN 40 bis 50 Milliarden Tonnen pro Jahr, zwei Drittel davon gehen in die Betonmischer. Aber nicht nur die schlichte Knappheit als solche ist problematisch, sondern auch wie eingangs geschildert der immer rigorosere Abbau des Rohstoffes Sand. Ein Lösungsansatz besteht in der Verlängerung des Lebenszyklus Beton: „Urban Mining“ (LINK Glossar) bezeichnet dabei die Strategie zur Kreislaufwirtschaft in der Baubranche.

Recycling möglich, Umdenken nötig

„Wir brauchen Kreislaufwirtschaft und müssen dafür Baubestände nutzen“, so die Materialforscherin Agathe Robisson. „Das Recycling von Baustoffen bzw. von mineralischen Rohstoffen generell wird auch in Österreich Bedeutung gewinnen“, ergänzt Christian Heiss vom Lehrstuhl Bergbaukunde, Bergtechnik und Bergwirtschaft der Montanuniversität Leoben. Ein beispielhafter Blick auf Deutschland verdeutlicht das Potenzial: Laut Umweltbundesamt (Deutschland) „setzt die deutsche Volkswirtschaft jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen an Materialien im Inland ein. Davon verbleiben besonders Metalle und Baumineralien oftmals lange Zeit in Infrastrukturen, Gebäuden und Gütern des täglichen Gebrauchs. Über Jahrzehnte hinweg haben sich auf diese Weise enorme Materialbestände angesammelt, die großes Potenzial als zukünftige Quelle für Sekundärrohstoffe bergen.“ Diese Sekundärrohstoffe sind zwar nicht immer für den gleichen Zweck geeignet, eine entsprechende rechtzeitige Verwendungsplanung trägt aber deutlich zur Verringerung des Primärbedarfs bei. „Die ursprüngliche Qualität ist auch nicht überall notwendig, etwa beim Straßen- und Wegebau“, so Bergbauexperte Christian Heiss. Dennoch stellt das Urban Mining, die Aufbereitung und Wiederverwertung von Materialien aus Bauwerken und Straßen, eine Herausforderung an die Gesellschaft und die Baubranche dar. Im Fokus steht dabei die Konzentration auf generell weniger zum Einsatz kommende Rohstoffe, was den Wiederaufbereitungsprozess vereinfacht. Christian Heiss: „Früher wurden 10 Rohstoffe beim Bau eines Hauses verarbeitet. Heute sind bereits in einem Fenster mehr Rohstoffe verarbeitet als vor 100 Jahren im ganzen Haus.“

Weniger ist mehr – Chance für alternative Baustoffe?

Weniger unterschiedliche Materialien, weniger „neuer“ Sand – ist ein weiterer Ansatz auch überhaupt weniger Zement und Beton? Die Verwendung von Beton geht in der Baugeschichte bis in die römische Antike zurück, vor rund 10.000 Jahren wurden bereits in der Türkei Mörtelgemische verwendet. Aber erst im 20. Jahrhundert wurde Beton zum Boom-Baustoff. Es lohnt sich aber, umzudenken und den Blick auf andere, nachhaltigere Baustoffe zu lenken. Die 18. Architekturbiennale in Venedig beschäftigte sich unter dem Motto „The Laboratory of the Future” mit schwindenden Ressourcen, Klimawandel, mehr Nachhaltigkeit. Es finden sich vielversprechende Projekte, die auf Holz, Lehm oder Bambus zurückgreifen. Auch mit Myzelium, dem Wurzelgeflecht der Pilze, wird bereits erfolgreich experimentiert und gearbeitet.

Alternativen gibt es also, unsere Herausforderung als Projektentwickler ist es, zeitgemäßen Bedarf zukunftsorientiert und nachhaltig zu decken. Eine spannende und komplexe Herausforderung, der wir uns gerne stellen. Aktuelle Projekte zeigen, wie wir das derzeit tun https://wegraz.at/projekte/

 

Zum Nachlesen (fakultativ):

  1. Architekturbiennale Venedig „Die Zukunft bauen“

https://wegraz.at/abreissen-erhalten-zementieren-die-praegenden-themen-der-immobilienwelt-von-a-bis-z/

Der Sand wird knapp – Rohstoffe in der Bauindustrie

https://www.sueddeutsche.de/kultur/architektur-rohstoffe-baustoffe-beton-sand-1.4552152

Abfallwirtschaft und Urban Mining

https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/urban-mining

Trendbegriffe der Bauwirtschaft

https://wegraz.at/glossar/